20. Mai ’26
Heute vor einem Monat war meine zweite OP. Meinem Körper geht es nicht schlecht. Von gut sind wir noch entfernt, aber damit war zu rechnen. Inzwischen holt mich allerdings meine Psyche ein. Wenn der Körper nicht mehr so leidet, kann der Kopf plötzlich mehr nachdenken. Und mein Kopf denkt momentan zu häufig an unschöne Dinge. Dass das mit dem Kinderkriegen vom Tisch ist, hat mich ursprünglich nicht so sehr gestört, wie es hätte stören können. Vermutlich, weil ich nie den größten Kinderwunsch hatte und es sich deswegen nicht so anfühlt, als wäre etwas weg, was ich dringend gebraucht habe.
Trotzdem. Seit ein paar Tagen sitze ich regelmäßig mit mir selbst und muss deswegen weinen. Es ist schwer in Worte zu fassen, warum. Es fühlt sich wie Trauer an. Als hätte es jemanden gegeben, den ich verloren habe. Dabei gab es niemanden. Und es wird niemanden geben. Zumindest niemanden, der aus mir rauskommt.
Während andere Mädchen schon früher davon gesprochen haben, dass sie Mama werden wollen, war das für mich nie so ganz auf meiner Leben-To-Do-Liste. Auch, weil ich lange gar nicht wusste, ob ich Männer überhaupt so mag und man als Kind keine Ahnung von IVF und Samenspende hat. Ich dachte, wenn ich mit einer Frau zusammen bin, dann können wir sowieso keine biologischen Kinder haben. Nun bin ich mit einem Mann zusammen und theoretisch hätte die Möglichkeit bestanden. Und vielleicht besteht immer noch eine Möglichkeit, wenn auch eine kleine mit großen gesundheitlichen Folgen für mich. Damit habe ich beschlossen, dass ich es nicht versuchen möchte.
Und obwohl da auch meine eigene Entscheidung dabei ist, ist es eine Entscheidung, die auf meiner Diagnose basiert. Wer weiß? Vielleicht hätte ich ohne die Krankheit in zwei Jahren versucht, ein Kind zu bekommen. Vielleicht hätte es geklappt. Vielleicht wären mein Mann und ich Eltern geworden. Jetzt gibt es diese Version der Welt nicht mehr. Und auch wenn ich nie wusste, ob das eine Version der Welt ist, die ich haben möchte, bin ich trotzdem traurig, dass ich mich nicht komplett frei dazu entscheiden konnte. Oder dagegen.
Und jetzt sitze ich manchmal im Auto und muss weinen. Vielleicht ist es deswegen so schlimm, weil ich mir vorkomme, als hätte ich eine Scheinwahl getroffen. Ich habe mich gegen das Kinderkriegen entschieden, aber nicht wirklich. Ich habe mich gegen das Kinderkriegen mit Endometriose und Adenomyose entschieden. Gegen oder für das Kinderkriegen allein konnte ich mich nicht entscheiden; es muss immer ein Zusatz dabei sein. Endometriose und Adenomyose. Ein kaputter Eileiter.
Ich habe unfassbar schweres Gepäck bekommen und mich entschieden, damit keinen Marathon zu laufen. Ohne das Gepäck hätte ich es vielleicht versucht. Hätte mir Gedanken darum machen können, ob ich für einen Marathon geeignet bin. Hätte trainieren können, mich vorbereiten. Hätte mich über die Strecke informiert. Und dann vielleicht ja oder nein gesagt. Jetzt habe ich aber Gepäck dabei. Schweres Gepäck, das ich nicht abgeben kann oder mal an den Rand stellen. Und mit diesem Gepäck will ich keinen Marathon laufen. Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt ankommen würde oder ob ich vor Erschöpfung zusammenbrechen würde. Ich weiß nicht, ob ich vielleicht ein paar Kilometer machen könnte, nur um zu glauben, dass das Ziel in greifbarer Nähe ist, nur um dann zu scheitern. Also laufe ich gar nicht erst los. Und es wird Stimmen geben, die sagen: Klar, mit den Koffern würde ich auch nicht rennen. Macht ja keinen Sinn. Und andere Stimmen werden sagen: Aber versuchen kannst du es doch! Wer würde nicht versuchen einen Marathon zu laufen? Bist du faul?
An den meisten Tagen bin ich einfach erschöpft, dass ich solche komplizierten Gedanken überhaupt haben muss.