Der fünfte Post

31. Mai ’26

Mein Körper hat mich schon immer zu viel beschäftigt. Ich wünschte, ich könnte in meinem Körper einfach existierten, völlig egal, was er wiegt oder wie er aussieht. Leider ist mir das nicht vergönnt. In der Schule gab es eine Gruppe von Jungs, die sich eine Zeit lang über meinen Bauch lustig gemacht haben. Es gab sogar ein Lied. Laut BMI war ich untergewichtig und meine Periode war unregelmäßig, meine Mutter vermutete, dass es am Gewicht liegen könnte. Ich war zum Glück nie magersüchtig; selbst als ich so dünn war, habe ich gegessen, was ich wollte. Und mir nicht wirklich Gedanken gemacht, was das mit meiner „Figur“ macht.

Und dann kommt die blöde Pubertät und blöde Jungs, die blöde Lieder dichten, um mir zu vermitteln, dass sie meinen Bauch fett finden. Ich bin mit über 1,70 m in XS herumgelaufen und jemand fand meinen Bauch fett. Ich weiß nicht, was damals in meinem Gehirn passiert ist, aber meine eigene Wahrnehmung wurde komplett umgepolt. Ich dachte, ich bin schlank. Alle haben mir immer wieder gesagt, wie schlank ich doch bin. Wie groß und wie schlank. Ein Freund meiner Schwester meinte einmal zu mir: „Du könntest Model sein, müsstest dich wahrscheinlich nur noch ein bisschen abmagern.“

In Hosen habe ich nie gut reingepasst, Taille zu weit oder Hosenbein zu lang. Bei meinem Abikleid hat mir meine Mutter eine Strumpfhose gekauft, die einen formenden Effekt haben sollte, damit ich „sogar noch schlanker“ aussehe. Dann wurde ich älter und habe zugenommen. Und das sogar relativ viel in kurzer Zeit. Ich wollte immer noch essen wie eine Teenagerin, aber war jetzt erwachsen. Als ich fand, dass ich zu viel zugenommen hatte, habe ich abgenommen. Und dabei auf viel verzichtet, teilweise Hungerbauchschmerzen gehabt. Hauptsache, ich war wieder dünner.

Dann nimmt man aber wieder zu. Weil das Leben eben so ist, wenn man altert und nicht so viel Zeit für Sport hat, oder sich die Zeit nimmt, je nachdem, wie man es sieht. Erst im November habe ich eine ganze Menge Kleidung aussortiert. Ich habe mir gesagt, dass es okay ist mit fast dreißig nicht mehr in die Kleidung einer 24-Jährigen zu passen. Mein Leben ist anders, ich bin anders, es macht keinen Sinn einem unnötigen Schönheitsideal hinterherzurennen. Einem Ideal, das keinen Zweck hat, außer dass Menschen damit Geld machen, weil sie uns Unsicherheiten einreden und uns dann die Lösung verkaufen.

Dann kommt die erste OP und ich kann danach kaum essen. Manche Tage ernähre ich mich nur von stillem Wasser und Zwieback. Als ich wieder in die Arbeit komme, sagen es so viele „Du hast aber abgenommen!“. Man würde es an meinem Gesicht sehen. Aber man sieht es überall. Kleidung, die ich noch letzten Sommer getragen habe, hängt an mir herab wie ein Sack. Meine selbstgenähte Kleidung hab ich noch gar nicht anprobiert. Viel zu sehr würde es mir wehtun, wenn die Kleidung, die ich extra gemacht habe, um mir dabei zu helfen, mich in meinem Körper wohlzufühlen, nicht mehr passt.

Ich hab abgenommen. Meine Schwägerin sagt, das wäre doch immerhin was Positives an der Sache. Und trotzdem. Wir sind im Urlaub und mein Mann macht Bilder von mir. Alles, was ich sehe, ist der Bauch. Man sieht die Rippen wieder an meinem Dekolletee, aber der Bauch ist da. Der verdammte Bauch, in dem meine Krankheiten sitzen und den ich kein einziges Mal ansehen kann, ohne ihn fett zu finden. Ich hab das Lied noch genau im Kopf.


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