23. Juni ’26
Draußen ist es heiß und ich musste letztes Wochenende neue Kleidung kaufen. Klingt wie ein Luxusproblem und vielleicht ist es das auch, aber die Sommerkleidung von letztem Jahr macht mich traurig. Ich weiß noch, wie ich in dem Kleid aussah. Mich jetzt darin zu sehen, erinnert mich daran, wie sehr ich mich verändert habe. Ich muss immer noch viel darüber nachdenken, wie sehr mein Körper sich verändert hat. Zuvor konnte ich mich noch gut unter langen Ärmeln und Hosenbeinen verstecken, das geht bei 35 Grad nicht mehr. Und ich will nicht irgendwas tragen. Ich will Kleidung tragen, in der ich mich tatsächlich wohl fühle. Ich will, dass mir die Kleidung tatsächlich passt.
Ein Teil meines Sommeroutfits ist ein Seidentuch. Ich weiß gar nicht, woher ich das Tuch habe, meine Mutter hat es mir vermutlich mal gegeben. Zwischendurch mache ich es mir nass und trage es auf dem Kopf, damit wird mir nicht so heiß. Gestern habe ich gesehen, dass das Seidentuch ein paar Schönheitsfehler hat. Kleine Löcher, der Rand war nicht mehr gut versäumt. Also habe ich die Löcher mit meiner Nähmaschine wieder zusammengenäht (wahrscheinlich hätte ich sie richtig stopfen können, aber dafür hatte ich nicht die Geduld) und das mit einem Faden, der ein kräftigeres Rot ist. Das Tuch ist eher dunkelrot mit einem Blumenmuster.
Natürlich sieht man jetzt, wo ich das Tuch geflickt habe, aber irgendwie ist es mir dadurch sympathischer geworden. Auch wenn es pathetisch klingt: es erinnert mich an mich. Bei mir haben sie auch Fehler und Probleme gefunden und alles irgendwie zusammengestickt. Das Tuch sieht immer noch hübsch aus, das Tuch ist immer noch funktional. Es ist immer noch ein Tuch. Es kann tun, was andere Tücher auch tun.
Ich versuche mich daran zu erinnern, was ich alles kann. Dass ich geflickt bin, aber immer noch ich und immer noch fähig.