7. April `26
Es ist der Dienstag nach Ostermontag und ich war heute schon erfolgreich auf dem Klo. Ich dachte nicht, dass ich jemals meinen Stuhlgang verfolgen würde, aber so ist das jetzt. Seit ich im Krankenhaus nach der Bauchspiegelung unfassbare Schmerzen hatte, weil ich seit Tagen nicht mehr groß war, bin ich, was mein Geschäft betrifft, sehr misstrauisch geworden. Vorher war ich eben auf dem Klo, wenn ich auf dem Klo war. ich weiß gar nicht, wie oft ich am Tag überhaupt groß war, ob es Tage gab, an denen gar nichts kam und ich habe trotzdem weitergelebt. Es klingt total bescheuert und auch eigentlich banal, dass sich das so anfühlt, als hätte ich etwas verloren. Unbeschwertheit. Ich habe verloren, nicht darüber nachdenken zu müssen.
Eigentlich wollte ich gestern Abend schon den ersten Post schreiben, aber ich musste erst einmal auf WordPress klarkommen. Nichts gegen WordPress, ich bin mir sicher, dass die da eigentlich super entspannte, tolle Tools haben, aber ich hab noch nie eine Website/ einen Blog erstellt und hatte deswegen null Ahnung und trotzdem Ungeduld. Ich kann auch nicht wirklich gut erklären, warum ich einen Blog machen will. Ich will schreiben. Das ist mein Modus Operandi. Ich schreibe immer und viel und vermutlich auch zu viel und nichts davon hat jemals die Öffentlichkeit gesehen. Das hier sieht die Öffentlichkeit auch nicht wirklich, zumindest wenn man ehrlich ist. Schließlich googlet niemand zum Spaß einfach mal Blogs, in denen es um Endometriose geht und ich habe auch kein Bedürfnis, diesen Link auf social media oder sonst wo zu teilen, damit es hier auch anonym bleibt. Es ist vermutlich eine Art Tagebuch. Ein öffentliches/ nicht-öffentliches Tagebuch. (Nur am Rande, WordPress unterstreicht mir das Wort „Endometriose“ und mich nervt gerade hart, dass das wohl heißt, WordPress kennt das Wort nicht?)
Nach dem Krankenhaus habe ich geschrieben. Unter Anderem habe ich ein Theaterstück angefangen, aber nicht weitergemacht. Ein „journal“ auch. Auch nicht weitergemacht. Ich hoffe doch, dass ich das hier irgendwie konsistent hinkriege. Aber ganz ehrlich – selbst wenn nicht, dann ist das auch in Ordnung. Momentan versuche ich zu lernen, was mir guttut und dafür muss man Sachen ausprobieren. Der Blog ist ja so eine Art totes Medium, wenn man mal drüber nachdenkt. Oder vielleicht ist das auch nur meine sehr beschränkte Sicht, weil mir kein Blog bekannt ist, der wirklich noch große Aufmerksamkeit bekommt. Heutzutage sind alles Podcasts, Youtube- oder TikTok-Videos. Alles braucht ein Gesicht und ich will mein Gesicht nicht ins Internet geben. Warum müssen meine Gedanken überhaupt ins Internet? Gute Frage. Vielleicht ist es ein Ego-Problem oder vielleicht auch eine Art verkappte Hilflosigkeit.
Endometriose ist eine Bitch. Aber eine Bitch, die es eigentlich schon lange gibt und trotzdem ist die Medizin nicht weit genug. Eine Gynäkologin im Krankenhaus sagte mir, dass meine Beinschmerzen nichts mit der Endometriose zu tun haben können. Ich recherchiere aber danach, dass es ein ganz häufiges Symptom ist. Denke mir aber: „Okay, das muss mir aber auch jemand vom Fach bestätigen, das Internet halluziniert auch.“ Ich fange an, ein Buch über Endo zu lesen und siehe da – die Autorin hat Beinschmerzen. Ich frage meine Gynäkologin, sie sagt auch, dass Beinschmerzen ein Symptom sind. Jetzt war ich letzte Woche in der Spezialklinik bei einem Gynäkologen, der schon tausend Betroffene operiert hat und der sagt auch, dass Beinschmerzen ein Symptom sind. Warum wusste das die Gynäkologin im Krankenhaus nicht? Klar, man kann nicht alles wissen, Ärzt*innen sind auch nur Menschen, aber sie hätte ja auch sagen können: „Oh, das weiß ich so gar nicht, müsste ich mal nachfragen.“ Stattdessen meinte sie aber, dass es gar nicht sein könnte, die Endometriose würde sich nicht so weit verbreiten. Und dann lese ich im Netz, dass Endometriose schon fast überall im Körper gefunden wurde, nicht nur im Bauch.
Also ja. Hilflosigkeit und das Gefühl, ausgeliefert zu sein, tragen sicher dazu bei, dass ich ein Outlet brauche. Gleichzeitig gibt es das Gefühl, Raum einnehmen zu wollen. Sich nicht zu verstecken. Nicht unauffällig zu sein. Mein Leben hat sich geändert und es wird immer geändert bleiben. Aber das sieht man nicht. Ich habe keinen Sticker auf der Stirn, der darauf hinweist und ich würde ihn auch gar nicht wollen. Es muss ja weitergehen und man will auch nicht gebrandmarkt sein. Und trotzdem brauche ich etwas, das nach außen signalisiert, was los ist. Dass etwas los ist. Ich habe meine Symptome immer gut versteckt, nicht nur von der Außenwelt, auch vor mir. Ich bin leider keine von den Betroffenen, die seit Jahren wussten, dass mit ihnen was nicht stimmt und für ihre Diagnose gekämpft haben. Ich habe mir eingeredet, dass alles in Ordnung sein muss. Dass die Periodenschmerzen normal sind. Dass die Beinschmerzen schon irgendwann wieder weg sein werden. Dass die Müdigkeit eben zum Zyklus gehört. Dass es normal ist, jeden Tag mit Schmerzen aufzuwachen und einzuschlafen. Jetzt weiß ich, dass das alles nicht normal ist. Oder zumindest viel davon. Und ich will aus irgendeinem Grund, dass die Welt das weiß. Und vor allem will ich auch, dass ich das weiß. Ich habe mir jahrelang etwas antrainiert und muss das jetzt verlernen.